Ketten wachsen einfach gemacht
Ketten wachsen einfach gemacht

Kette wachsen – Theorie & Quellen

Mir ist es wichtig, dass ihr etwas über den Hintergrund des Wachsens lernt und euch ein eigenes Bild machen könnt.

Durch meinen beruflichen Hintergrund ist mir die Technik hinter dem Produkt sehr wichtig, daher habe ich diese Seite erstellt, um euch einen Überblick über das Thema zu erstellen. Ich habe dabei versucht, euch soweit möglich die Quellen unabhängiger Tests oder wissenschaftlicher Journale darzustellen, natürlich ohne den Anspruch von Vollständigkeit zu erheben.

Was ist Kettenwachs?

Vereinfacht gesagt, um gleich die erste Frage zu beantworten:

Nein, Kettenwachs ist nicht gleich Kerzenwachs!

Kerzenwachs ist meistens reines Paraffin, das es im Grunde in verschiedenen Qualitätsklassen gibt.

Kettenwachs ist meistens ein hochwertiges (raffiniertes) Paraffin, das um relevante Additive ergänzt wird. Davon gibt es verschiedene. die häufigsten sind hierbei jedoch:

  • Teflon (PTFE)
  • Wolframdisulfid (WS2)
  • Molybdändisulfid (MoS2)
  • Graphit
  • Graphen
  • Borverbindungen (B₂O₃)
  • Zinkverbindungen(ZnO)

Diese Additive werden hinzugefügt, um den Schmierstoff Paraffin zu unterstützen, indem sie:

  • die Reibung reduzieren (die meisten der Additive weisen kristalline Strukturen auf, ihre Ebenen gleiten übereinander)
  • einen Verschleißschutz bilden (Paraffin ist spröde, es bricht unter Druck also sehr leicht – die Additive dagegen sind weniger spröde)
  • die Temperaturfestigkeit erhöhen (der Schmelzpunkt von Wachs liegt bei ca. 55°C, das kann bei warmen Außentemperaturen, Sonneneinstrahlung und entsprechen Leistung beim Fahren schnell auf einzelnen Kettengliedern erreicht werden)
  • einen Korrosionsschutz bieten (in der Regel also wasserabweisend wirken)
  • auf Partikelebene kleiner sind (und damit auch leichter in die Rollen der Kette gelangen können)

Dabei kommt das Kettenwachs in der Regel in einer von zwei Formen (und mit den entsprechenden oben genannten Additiven):

  1. Heißwachs (harter Block oder harte Kügelchen)
  2. Flüssigwachs (ähnlich einem anderen Kettenschmierstoff wie z.B. Öl, aber eine etwas geringere Viskosität, das Flüssigwachs ist also weniger flüssig)

Für das Flüssigwachs wird noch ein weiteres Additiv benötigt, um dafür zu sorgen, dass sich das Wachs in flüssiger Form auftragen lässt, in der Regel ist dies:

  • eine Alkohollösung, die nach dem Auftragen verdunstet
  • eine Emulsion mit Öl (mit dem Nachteil, dass ein leichter Ölfilm entsteht)
  • eine Wachsmischung mit flüssigen Paraffinen (dabei bleibt nur der Wachsfilm nach der Aushärtung)

Wie wird gewachst?

Im Grunde gibt es zwei Verfahren:

  1. Heißwachs:
    • Verschiedene Verfahrensweisen:
      • Kochtopf
      • elektrisch betriebener Kocher (ähnlich dem Gerät, das für Körperwachs eingesetzt wird)
      • Ultraschallwachskocher (momentan nur bei der Firma Optimize verwendet)
  2. Flüssigwachs
    • Auftragen aus einer kleinen Flasche, ähnlich dem Auftragen des Öls

Beim Heißwachsen, fast unabhängig des Wachs-Herstellers, gilt es in der Regel, die Kette bei ca. 90°C Wachs-Temperatur für ca. 10 Minuten im Wachs zu erwärmen.

Die Temperatur sollte dabei möglichst konstant ca. den Herstellerangaben entsprechen, bei einer 90°C Angabe sollte man versuchen, ± 5°C um den angegebenen Bereich zu halten. Daher ist es sinnvoll, ein Gerät zu nutzen, das einem bei dem Einhalten dieser Temperaturen zu halten. Aus diesem Grund werden häufig Geräte eingesetzt, die einem beim Halten dieser Temperaturen helfen. Oft werden Wachskocher eingesetzt, die denen der Beautyindustrie ähnlich sind (oder bei dem Privatgebrauch sogar genau diese), da Körperwachs oft auf ähnliche Temperaturen erhitzt werden muss.

Danach wird die Kette über dem warmen Topf zum Abtropfen aufgehängt. Es gibt unterschiedliche Angaben über die Dauer des Abkühlens und Austrocknens, meine Erfahrung zeigt, dass nach ca. zwei Stunden eine vollständige Auskühlung erreicht ist.

Der letzte Schritt vor der Montage ist das Brechen der Kette. Dafür gibt es verschiedene Techniken, ich nutze ein altes Kettenblatt und ein Schaltwerkröllchen, es eignen sich aber auch z.B. Rohre, Besenstiele oder Stangen, über denen man die Kette mehrfach mit beiden Seiten zieht.

Beim Flüssigwachsen ist es wichtig, das Wachsen nicht, wie bei Öl, direkt vor der nächsten Ausfahrt zu machen, sondern am Abend vorher. Dies ist wichtig, damit das Wachs vollständig trocknen kann. Dazu muss das Additiv, das das Wachs flüssig gehalten hat, genügend Zeit zum Verdampfen haben.


Die richtige Reinigung der Kette – Das Ergebnis entscheidet sich schon zum Anfang

Es gibt zwei Möglichkeiten, zu denen man sich gleich zu Anfang entscheiden muss:

  1. Eine neue Kette
  2. Deine gebrauchte Kette

Die neuen Ketten sind in der Regel mit Rostschutzfett behandelt. Dies ist sehr klebrig, und daran haftet wirklich alles. Es muss also zwingend entfernt werden.

Die gebrauchten Ketten sind in der Regel mit einer Mischung von Öl, altem Rostschutzfett, Staub, Sand und anderem Dreck belegt. Dieser Dreck ist deutlich schwieriger zu entfernen.

/!\ SICHERHEITSHINWEIS: Beim Arbeiten mit Waschbenzin immer Handschuhe tragen, am besten an der frischen Luft arbeiten sowie trotzdem zusätzlich eine Atemschutzmaske tragen.

In der Regel funktioniert dies am besten mit Waschbenzin (wie man es in jedem Baumarkt bekommt).

Ich nutze dieses in einem klassischen Einmachglas (mit Dichtgummi): Dazu die Kette samt Kettenschloss in das Glas geben und ca. 1 Minute schütteln. Dann über Nacht stehen lassen, aus dem Glas nehmen und einen zweiten und sogar in der Regel dritten Arbeitsgang durchführen. Hier sind nicht die Anzahl der Durchgänge entscheidend, sondern wie stark sich das Waschbenzin noch verfärbt. Der erste Arbeitsgang ist dunkel-anthrazit bis schwarz, der zweite grau und der dritte in der Regel leicht-grau bis milchig.

Nun gibt es auch verschiedene andere Mittel, die statt Waschbenzin verwendet werden: Am häufigsten ist von Antriebsreiniger, Bremsenreiniger oder Aceton zu lesen. Das Problem mit Antriebsreiniger und Bremensreiniger: Es ist teuer (obwohl Waschbenzin meistens der Hauptbestandteil ist) und für diesen Zweck in der Regel weniger effektiv, da es rückfettende Additive enthält. Aceton sorgt, im Gegensatz zum weitläufigen Glauben, sogar eher für eine Schmutz-Adhäsion, die Schmutzpartikel auf der Oberfläche haften lässt, da das Aceton eher Fette (wie das menschliche Fett) löst, gegen Maschinenöle aber keine effektive Wirkung bietet (siehe auch Uni Mainz).

Zu guter Letzt empfiehlt sich die Anwendung eines Ultraschallbades, das dafür sorgt, das letzte Verschmutzungen aus den Kettengliedern entfernt werden. (Hintergrundinformationen: Zero Friction Cycling – Ultraschall)

Der letzte Arbeitsgang ist Geschmackssache, hier unterscheiden sich die Meinungen, aber: Isopropanol, auch in der Medizin zur Sterilisierung eingesetzt, reinigt die letzten Reste von der Kette.

/!\ ENTSORGUNGSHINWEIS: Das benutzte Waschbenzin, Isopropanol oder auch die alkalische Ultraschalllösung entsorgt man nicht im Hausmüll oder über den Abfluss. Dafür gibt es Entsorgungsstellen, entweder auf städtischen Recyclinghöfen, Schadstoffmobile oder Fachbetriebe (Fachbetriebe für den Privatgebrauch aber in der Regel nicht anwendbar).


Ketten – Good to know

Das Kostenintensive an gewachsten Antrieben ist, wenn man dies so sagen kann, die Verwendung der Herstellereigenen Kettenschlösser. Wenn man den Herstellerangaben folgt, werden im Endeffekt die Ersparnisse eines gewachsten Antriebes komplett aufgefressen.

Es bleibt natürlich immer selbst abzuwägen, und am Ende ist immer erstmal den Herstellerangaben zu folgen. Zu Erfahrungsberichten anderer Nutzer kann ich euch die unten verlinkten Dokumente von Zero Friction Cycling sehr empfehlen.

ABER: Die Kettenschlösser von SRAM und Shimano lassen sich nur einmal verwenden. Je nach Beschaffungspreis kostet also jedes Mal Kette Wachsen ca. 4-6€ (Preis pro Kettenschloss, variiert stark).

Dies lässt sich umgehen, wenn man wiederverwendbare Kettenschlösser nutzt. Eine gute Übersicht hierzu bietet, mal wieder, Zero Friction Cycling:

Zero Friction Cycling Master Link FAQ Guide, hier speziell zunächst die Seiten 8-10, die einen guten und erfahrungsgestützten Überblick über Einfach-Verwendbare Kettenschlösser gegenüber Mehrfach-Verwendbaren Kettenschlössern bieten.

Zero Friction Cycling Master Link Compatibility Guide, in diesem wird im Detail beschrieben, welche Kettenschlösser mit welchen Ketten kompatibel sind.

Desweiteren spielt natürlich die Kette selber eine Rolle. Neben den herstellereigenen Ketten gibt es Ketten anderer Hersteller, die auf den Antrieben genutzt werden können, dazu gilt es stets einen Kompatibilitätscheck durchzuführen. Diese haben häufig den Vorteil, dass sie anders beschichtet sind und sie dadurch häufig weniger anfällig für Korrosion (hauptsächlich Flugrost) sind.

/!\ Ein Hinweis meinerseits: Ich fahre zur Zeit die Ketten und Kettenschlösser von Connex auf meinen Shimano-Antrieben, auf den Antrieben von SRAM (mit Flattop-Ketten) zur Zeit die Original SRAM-Flattop-Ketten, da sie eine gute Beschichtung aufweisen. Auch hier hat Connex (ein deutscher Hersteller) nun aber passende Ketten rausgebracht. Das besondere: Die Connex-Kettenschlösser sind werkzeugfrei zu öffnen (bei allen anderen benötigt man eine Kettenzange oder einen Schnürsenkel zum Öffnen) sowie unlimiert wiederverwendbar.

Ein genereller Hinweis zum Thema Ketten:

Man kann die Wahl der Kette, wenn man möchte, auch sehr gut an den assoziierten Kosten festmachen. Die folgende Übersicht zeigt hierzu eine Übersicht der verschiedenen Ketten in Bezug auf die Kosten für 10.000km Nutzung. Wenn ich es in einem Satz beschreiben müsste: Die Kosten sind höher, je früher die Kette verschlissen ist und damit ausgetauscht werden muss sowie ein Austausch der entsprechenden Antriebskomponenten durchgeführt werden muss.

(Copyright) Zero Friction Cycling, Drive train cost to run per 10.000km

Vorbereitung ist das A und O – Reinigung des Antriebs am Fahrrad

Die am besten vorbereitete Kette hilft nichts, wenn der Rest des Antriebs einfach im alten Zustand gelassen wird.

Daher müssen drei Bereiche des Fahrrades gereinigt werden:

  1. Kettenblätter
  2. Kassette / Ritzel
  3. Schaltwerkröllchen (Pulleys) inkl. Schaltwerkkäfig

Die Kettenblätter lassen sich dabei am besten im eingebauten Zustand reinigen. Dazu könnt ihr einen Antriebsreiniger nehmen, ich empfehle aber auch hier noch einmal mit Isopropanol nachzuarbeiten.

Bei Kassette und Schaltwerkröllchen gibt es nun eine Variante für Einsteiger:innen und eine für Fortgeschrittene, die sich nach eurem Werkzeugbestand und euren Schrauberkenntnissen unterscheiden, beide beginnen jedoch damit, dass wir das Hinterrad ausbauen:

Variante 1: Einsteiger:innen

Die Kassette mit Antriebsreiniger einsprühen (bis es stark tropft), dann mit einer Bürste den ersten groben Dreck entfernen. Danach noch einmal Einsprühen und mit einem Multifasertuch (wichtig, kein Küchenpapier oder Klopapier, wir wollen keine Fasern zurückbehalten) zwischen die Ritzel gehen. Die Kassette sollte danach glänzen und keine Reste von altem Öl mehr enthalten.

Für die Schaltwerkröllchen am Rad kann nun auch zunächst der grobe Dreck entfernt werden, dazu eignen sich Bürste und meistens auch bei Kunststoff-Schaltröllchen ein Schlitz-Schraubendreher. Danach etwas Antriebsreiniger auf ein Tuch geben, und die Röllchen sowie den Käfig damit reinigen.

Variante 2: Fortgeschrittene

Die Kassette mit einem Kassettenabzieher/Zahnkranzabzieher und einer Kettenpeitsche / Ritzelzange demontieren. Die Einzelteile mit einem Antriebsreiniger und Isopropanol reinigen. Sollte es vorhanden sein, ein Ultraschallbad nutzen. Bei Wiedermontage auf dem Laufrad nach Drehmoment- und Montagevorgabe des Herstellers mit Drehmomentschlüssel montieren.

Bei den Schaltwerkröllchen die Röllchen demontieren und inklusive Schaltwerkkäfig mit Antriebsreiniger und Isopropanol reinigen. Schon beim Ausbau die Einbauorientierung merken, denn die Röllchen haben eine Laufrichtung (!). Auch hier wieder entsprechend der Herstellerangaben arbeiten und mit Drehmomentschlüssel montieren.


Ein paar übergeordnete Links, die für euch eine Hilfe sein können:

  • Wie man die Kette wachst: Aus meiner Sicht ein immer noch aktuelles und sehr gutes Übersichtsniveau auf Einsteigerniveau
  • Der Baranski: Aus meiner Sicht einer der Vorreiter mit deutschem Content zum Thema Kette wachsen.
  • Zero Friction Cycling: Der Guru des Kette wachsens. Ausführliche Tests zu allem, was mit dem Thema Antriebsoptimierung zu tun hat. Wissenschaftliche Arbeitsweise und weltweit anerkannt für Genauigkeit und objektive Arbeitsweise.